Biowein

In der EU wird der ökologische Weinanbau in der Verordnung (EG) Nr. 834/2007 des Rates vom 28. Juni 2007 (Stand 2019) über die ökologische/biologische Produktion und die Kennzeichnung von ökologischen/biologischen Erzeugnissen genau geregelt. Aus meiner Sicht werden hiermit die Rahmenbedingungen für ein ökologisches sinnvolles arbeiten in der Landwirtschaft im Einklang mit der Natur gelegt. In ökologisch bewirtschafteten Böden sind Biomasseanteile und mikrobielle Aktivität in der Regel höher als im konventionellen Landbau. Durch den Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel wird die Vielfalt des Tier- und Pflanzenlebens gefördert. Ökologischer Landbau belastet das Grund- und Oberflächenwasser weniger. 

In dieser Verordnung werden auch Zutaten (z.B. Zusatzstoffe, Verarbeitungshilfen) für Bioprodukte begrenzt. Allein bei den Zusatzstoffen sind bei Bioprodukten derzeit nur 54 von mehr als 320 zugelassen, also nur rund ein Sechstel, und diese auch nur eingeschränkt und produktbezogen („Ökologischer Landbau in Deutschland", Hrsg: BMEL 2019). Bei Wein jedoch kann z.B. nicht auf Zusatzstoffe wie Sulfit verzichtet werden, auch nicht im Biowein - Versuche mit Zero-Sulfit sind zwar zu finden, bisher aber nicht überzeugend und auch nicht lange haltbar. Ebenso ist die Verwendung von Eiweiß gestattet, welches ein Thema für Veganer ist - hier gibt es aber zugelassene Alternativen. Empfindliche Menschen müssen sich hier also genauer beim Weinproduzenten oder Weinhändler informieren.

Verbände wie Naturland, Demeter oder Ecovin (die sich z.T. schon viel früher für den ökologischen Anbau eingesetzt haben) setzten freiwillig noch weitergehende und nachhaltigere Vorschriften, die ihre Mitglieder befolgen. In Deutschland beträgt der Anteil ökologisch kontrollierte Weinanbauflächen gerade mal 8% (Stand 2019) 

Sehr viel konsequenter ist der biodynamische Weinanbau, den ich sehr schätze. Vereinfacht ausgedruckt will die Biodynamik eine gesunde Umwelt für die Rebe schaffen, den Boden in seinen natürlichen Zustand bringen und seine einzigartigen Bedingungen in den Weinen zum Ausdruck bringen. Vor allem wird sehr viel Aufmerksamkeit dem Boden gewidmet, der wie ein Lebewesen angesehen wird. Durch Stimulierung mit speziellen Präparaten wird die Mikrobiologie des Bodens gefördert. Man folgt dem Rhythmus der Natur und fördert die Artendiversität und die Energie der Materie. 

Trotz der sich abzeichnenden Umweltschäden habe ich mich dazu entschlossen Zweigleisig zu fahren. Die Forderung nach mehr ökologischem Handeln ist richtig, aber sie muss sich auch den Veränderungen und neuen Entwicklungen Anpassen und Reaktionsmöglichkeiten zulassen. Neue Schädlinge, Resistenzen, Klimaveränderungen aber auch der Versorgungsgedanke erfordern massvolle Herangehensweisen. Sehr viele Winzer folgen dem Trend zu umweltschonendem Weinanbau, allein weil sie wissen, daß die Natur und der Boden letztendlich ihr Brot erwirtschaften. Und doch gehen sie den letzen Schritt zum konsequenten (und zertifizierten) Öko-Anbau nicht - aus begründeter Sorge, daß notfalls doch mal ein Eingriff notwendig sein kann und ist.

Betrachtet man die letzten 20 Jahre im Weinbau so ist dieser Trend aber doch echter (Teil-)Erfolg und hat den Weinbergen eine größere Biodiversität und gesündere Böden zurück gebracht. Das kann man sogar von weitem den Weinflächen ansehen. Vergleichbar vielleicht mit der Erholung unserer Gewässer. Ganz klar, das gilt momentan nicht für alle Regionen dieser Welt, und noch seltener außerhalb der EU.

So führe ich neben sogenannten Bio-Weinen aus ökologisch kontrolliertem Anbau auch konventionell produzierte Weine. Bewußt stelle ich als Auswahlkriterium für Wein den Geschmack an oberster Stelle. Ein Wein genieße ich, wenn er mir schmeckt. Allerdings hat mir meine lange Erfahrung gezeigt, daß gute Weine fast ausnahmslos durch Wissen, Können, Verantwortung, Umsicht und Rücksicht auf die Natur entstehen. Ist doch ziemlich logisch, daß Landwirtschaftliche Produkte um so besser schmecken, nährstoffreicher sind und uns besser bekommen, um so mehr diese Grundlagen befolgt werden. Dies muss aber nicht zwangsläufig kontrolliert ökologischer Anbau sein. So sind „konventioneller“ (aber umweltschonender) Anbau und ökologisch kontrollierter Anbau dann gar nicht mehr so weit von einander Entfernt. Sogenannter „konventioneller Anbau“, der „umweltschonende Anbau“ und auch nicht der „naturnahe Anbau“ - alles nicht ökologisch kontrolliert - sind nicht gleich der Teufel. Viele Nicht-öko-Winzer arbeiten mit großer Nachsicht, umweltschonend wo möglich, und sorgen so für einen Beitrag zu einer Veränderung und Verbesserung, wenn auch langsam. Ich sehe das aus einer Sichtweise, daß oft ein stetiger und maßvoller Wandel zu besseren und nachhaltigeren Veränderungen führt als radikale und extreme Maßnahmen. Ich gehe sogar soweit zu überlegen, daß große Weinerzeuger eine größere Wirkung für die Umwelt bewirken, wenn Sie kleine Schritte in die nachhaltige Richtung gehen, als ein kleiner Winzer, der den kompletten Schritt zu Öko wagt? Natürlich stellt jeder noch so kleine Winzer ein wichtiger Beitrag und oft sogar Anstoß für andere zur Veränderung. Wichtig ist aber vor allem, dass das Bewusstsein für die Natur, die Bereitschaft und die Fähigkeiten nachhaltiger und umweltschonender zu arbeiten sich allmählich ausbreitet und generationsübergreifend Akzeptanz findet.

Mittlerweile größere Probleme sehe ich woanders: Zum einen wird mit Bio ein immer größeres und brutaleres Geschäft betrieben, wo Zertifizierungen freizügig vergeben (verkauft) werden und die Produzenten gar nicht aus Überzeugung „Bio“ machen. Hier wären, vor allem bei den großen Erzeugern, mehr Kontrolle und Aufsicht erforderlich. Durchaus interessant ist der Aspekt, daß in den EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau die Mitgliedstaaten entscheiden können, ob sie das Kontrollverfahren allein durch staatliche Stellen oder als staatlich überwachtes privates System durchführen wollen. In Deutschland und den meisten anderen EU-Staaten hat man sich für letzteres entschieden, was durchaus als kritisch zu betrachten ist. Denn hier kommen diverse Interessen in Konflikt, sei es nur der Gedanke, daß aus Sicht der Kontrollstelle der zu prüfende Betreib „der Kunde“ ist. Ein Schelm wer hier böses denkt. 

Zum anderen ist es der unkritische (oder unkundige, oder überforderte) Verbraucher, der den Wein ohne viel Hinterfragen konsumiert. Herkunft, Herstellungsmethoden, Abfüllort sowie die eigentliche Qualität des Weines werden nur all zu oft nicht einmal beachtet. Ein generelles Problem unserer Gesellschaft: der Konsum findet vollkommen losgelöst von der eigentlichen Herstellung. Man hat oft keinen Bezug zum Produkt und das Ziel beim Einkaufen ist möglichst günstig weg zu kommen. Vor allem letzteres steht der Qualität nun mal im Wege. Mir ist kein Produktsektor bekannt in dem ich gute Qualität für wenig Geld bekomme. So schließt sich für mich dann der gedankliche Kreis zum Thema ökologischer Wein: „Gute Weine entstehen fast ausnahmslos durch Wissen, Können, Verantwortung, Umsicht und Rücksicht auf die Natur“. 

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